Märkte und Volksfeste als Perspektive für den ländlichen Raum

Volksfeste und Märkte aller Art, wie Jahrmarkt, Rummel, Kirmes und Weihnachtsmarkt, sind oftmals eng an lokale und regionale Traditionen geknüpft und werden vielerorts schon seit Jahrhunderten ausgerichtet.

christkindlmarkt brian colson via Compfight

Doch während die Weihnachtsmärkte vor allem in den größeren Städten boomen und längst auch für ausländische Quellmärkte touristisch vermarktet werden, ist vor allem bei kleineren Volksfesten und Märkten in ländlichen Regionen eine gegenläufige Entwicklung  feststellbar:

Die 1.457 Weihnachtsmärkte hatten 2012 etwa 85 Mio. Besucher (+ 70 Prozent gegenüber 2000) und generierten Umsätze von etwa 980 Mio. Euro. Dagegen verzeichneten die deutlich zahlreicheren Volksfeste (etwa 10.000) „nur“ 150 Mio. Besucher (Rückgang um 20 Mio.) und generierten 2,45 Mrd. Euro Umsatz (-1 Mrd. Euro). Auch die Gesamtzahl der Volksfeste ging in der letzten Dekade um etwa 30 Prozent zurück, insbesondere kleinere Veranstaltungen in ländlichen Regionen wurden vielfach eingestellt. Nur der Boom der Weihnachtsmärkte sichert die etwa 45.000 Vollzeitarbeitsplätze in der von Familienunternehmen dominierten Schaustellerbranche (Deutscher Schaustellerbund e. V.).

christmas market at maria-theresien-platz brian colson via Compfight

In ländlichen Räumen haben Volksfeste und (Weihnachts-)Märkte eine besondere Bedeutung: Einerseits sind sie ein (oftmals jahrhundertealter) Bestandteil der regional en bzw. lokalen Kultur und Identität. Andererseits stellen sie gerade in touristisch weniger entwickelten Regionen und bei Aufgreifen regionaler Themen einen potenziellen Ausflugs- bzw. Reiseanlass dar und generieren weitere volkswirtschaftliche Effekte z. B. für den örtlichen Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie. Kurzum: Volksfeste und Weihnachtsmärkte können wichtige Impulse zur Sicherung der Lebens- und Standortqualität liefern.

bratislava christmas market brian colson via Compfight

Diesem Leuchtturmpotenzial werden allerdings bei weitem nicht alle Veranstaltungen gerecht. Probleme sind:

Unspezifisches Angebot vieler Veranstaltungen und Qualitätsdefizite:

Viele Volksfeste und Weihnachtsmärkte greifen keine regionalen Themen auf. Ein ganz „normaler“ Rummel richtet sich primär an Einheimische – touristisch ist er irrelevant. Einfache Fahrgeschäfte und Imbissbuden allein erzeugen keinen Besuchsgrund. Zwar gewinnt auch für die Einheimischen der „Lokalkolorit“, z.B. durch historische Bezüge oder in Form regionaler Spezialitäten, an Bedeutung, jedoch gerät die authentische und ausgewogene Gestaltung (z.B. Fahrgeschäfte, Imbiss, Verkaufsstände, kulturelle Aufführungen usw.) häufig in den Hintergrund: Aus Kostengründen wird die Veranstaltungsorganisation von den Kommunen zum Teil an private Agenturen übertragen. Bei vielen Festen „kippt“ die Angebotsstruktur hin zu deutlich mehr Imbissangeboten – je mehr Stände, umso mehr Standgebühren können eingenommen werden. Die Veranstaltung verliert damit oft an Attraktivität.

 Chancen zur Ansprache touristischer Zielgruppen nicht erkannt oder genutzt:

Neben den Familien werden ältere Zielgruppen (z.B. „Naturorientierte Best Ager“) für ländliche Räume zunehmend wichtiger. Authentizität und Regionalität des Angebots, einheimische (Bio-)Kulinaria, Qualität und „Stil“ (insbesondere in der Gastronomie), Nachhaltigkeit sowie zunehmend auch Barrierefreiheit und Komfort gewinnen an Bedeutung. Erst wenige der kleineren Veranstaltungen sind auf diese Ansprüche eingestellt und damit auch touristisch relevant.

Unzureichende Einbindung in die touristische Vermarktung:

Traditionell werden viele Veranstaltungen durch kommunale Institutionen und einen Marktmeister organisiert. Somit können zwar organisatorische Fragen wie z.B. behördliche Genehmigungen usw. schnell gelöst werden. Die Kooperation mit dem örtlichen oder auch regionalen Tourismusmarketing ist dagegen oftmals nur schwach ausgeprägt oder nicht vorhanden. Bei den Veranstaltungsorganisatoren bestehen Wissensdefizite hinsichtlich touristischer Chancen und Anforderungen, wie z.B. Zielgruppenpotenziale und erforderliche Angebote. Viele Feste erreichen mit ihrem eigenen Marketing allenfalls die einheimischen Besucher vor Ort.

Kommunale Spielräume für die Veranstaltungsorganisation oft ungenutzt – Rahmenbedingungen  vor Ort ungünstig:

Viele, auch kleinere, Kommunen richten Umweltzonen ein. Sondergenehmigungen für ältere, den aktuellen Bestimmungen noch nicht angepasste Schaustellerfahrzeuge werden eher selten erteilt. Zudem müssen Schausteller – als ohnehin energieintensives Gewerbe – die Energie als teureren „Baustrom“ vom Veranstaltungsorganisator beziehen.

Fehlende regionale Koordination der Veranstaltungen und ihrer Beschickung:

Zwischen vielen Volksfesten kommt es oftmals zu „Kannibalisierungseffekten“ um die begrenzte Anzahl verfügbarer Schausteller. Um die eigenen Investitionen und hohe Energiekosten schneller zu amortisieren, sind für Fahrgeschäfte größere, nachfragestarke Feste attraktiver als kleinere, peripher gelegene Veranstaltungen. Aufgrund der begrenzten Saison sind erforderliche Terminabsprachen innerhalb von Regionen zur Vermeidung von Überschneidungen und Ermöglichung einer höheren Attraktivität auch für kleinere Volksfeste nur schwierig realisierbar oder finden gar nicht statt.

christmas market in Rostock Carsten Pescht via Compfight

Die Herausforderungen für die Organisatoren, Vermarkter und Schausteller, um Volksfeste und Weihnachtsmärkte enger in die touristische Entwicklung ländlicher Räume einzubeziehen und die Perspektiven gerade auch für kleinere Veranstaltungen zu verbessern, lauten:

Steigerung der allgemeinen Attraktivität und touristischen Relevanz des Angebots:

Regional-authentische und vor allem identitätsstiftende Themen und Werte sind verstärkt in die Angebotsstruktur einzubinden, um auch über die lokale Bedeutung von Volksfesten und Weihnachtsmärkten hinaus regionale (touristische) Wertschöpfung zu erzeugen.

Hoher lokaler/regionaler Identitätswert des jeweiligen Themas.

Nachfrage- und Wertschöpfungspotenzial von Thema bzw. Angebot: Ohne konkrete wirtschaftliche Erfolgsaussicht erzeugt kein noch so identitätsförderndes Volksfest eine „Sogwirkung“ für die Partner vor Ort. Nach Möglichkeit ist ein Spezialthema“ mit nachfragestarken und trendrelevanten Themen und Angeboten zu kombinieren.

Zielgruppe Gäste und Einheimische:

Gerade auch die lokale Bevölkerung hat höchstes Interesse an identitätsstiftenden Themen (z.B. Tradition, regionale Wirtschaft usw.). Das Angebot darf dabei keinesfalls überspitzt werden, der „echte“ Charakter muss immer spürbar sein, um auch Gäste von außerhalb zu begeistern.

Ausreichende Anzahl und größtmögliche Einbindung von Partnern vor Ort:

Nur mit den Menschen vor Ort kann ein „echtes“ Thema glaubwürdig umgesetzt werden und zugleich die Identität vor Ort gefördert werden.

Volksfeste und Weihnachtsmärkte in ländlichen Räumen sind nicht automatisch auch touristisch relevant oder vor Ort identitätsfördernd. Notwendig ist die gezielte Suche und Aufbereitung regionaler, authentischer Themen und deren umfassende Aufbereitung im gesamten Angebot. Zunehmend wichtiger wird dabei eine konsequente Qualitätsausrichtung insbesondere auch im gastronomischen Bereich. Für kleinere Veranstaltungen wird es darum gehen, geeignete Kooperationen mit anderen Festen einzugehen, um gerade auch an touristischer Attraktivität zu gewinnen und letztlich das eigene Überleben zu sichern.

4/24 Glühwein Ana via Compfight

Netzwerkähnlichen Organisationsformen von Festen, ggf. durch eine Kommune gesteuert und unter freiwilliger Beteiligung der Bevölkerung, gehört die Zukunft. Nur auf diese Weise lassen sich starke und identitätsfördernde Impulse auch vor Ort setzen. Zusammengehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit der Region bzw. dem Thema der Veranstaltung sind dabei ebenso entscheidend wie ein geeignetes Management, welches die Zusammenarbeit steuert.

Konstanz, Germany Christmas MarketCreative Commons License LenDog64 via Compfight

Kommunen können im Rahmen ihrer Gestaltungsspielräume die Rahmenbedingungen der konkreten Veranstaltungsorganisation günstig gestalten, z.B. Erteilung von Sondergenehmigungen für das Befahren von Umweltzonen oder vergünstigte Stromtarife. Gleichwohl sind auch die Schausteller gefordert, das eigene Angebot nachfragegerecht, nachhaltig und orientiert an den gängigen Umweltschutzstandards auszurichten

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), Ratgeber Tourismusperspektiven in ländlichen Räumen.

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